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Stille Post

Bastian | 21/03/2009 | 22:19

Während der Lektüre von Nachrichten im Internet stolpere ich immer wieder über Meldungen, die jegliche Angaben von Quellen vermissen lassen. Das letzte Mal heute Mittag beim Express, der über den sensationell hohen Strafzettel des finnischen Unternehmers Juri Bär berichtet. 112.000 Euro soll der finische Millionär zahlen, weil er 22 Kilometer zu schnell gefahren ist. Eine gute Geschichte, die jedoch völlig verfremdet ist. Der Express gibt nicht an, woher die Informationen stammen und dazu ist der Name des Millionärs verschwunden, der eigentlich genannt wurde. Eigentlich, denn bis zu ihrem Erscheinen beim Express hat die News bereits einige Stationen durchlaufen.

Mit ein wenig Google findet sich derselbe Text noch einmal bei den Shortnews von Stern, die wiederum auf die Nachrichten bei Evocars verweisen. Korrekt ist das jedoch auch nicht, denn auch Evovars verwertet die Nachricht nur weiter. Der eigentliche Absender ist die Online-Ausgabe der finnischen Zeitung Savon Sanomat, wo die Meldung am 5. März erschienen ist. Zitiert wird die Meldung noch an anderen Stellen im World Wide Web, doch letzten Endes führen alle Wege nach Rom, oder besser gesagt nach Finnland.

Und auch wenn der Text auf Finnisch verfasst ist, wird mit einem der vielen Online-Übersetzer schnell deutlich, dass hier mit großer Wahrscheinlichkeit der Ursprung des Textes liegt. Und es stellt sich die berechtigte Frage, wieso sich beim Abschreiben von Nachrichten solch katastrophale Fehler in der Berichterstattung einschleichen. Vielleicht mag es der Nettiquette entsprechen, den eigentlichen Finder der Nachricht lobenswert zu erwähnen, zur Quelle macht ihn das noch lange nicht. Für den Leser muss klar sein wer der Absender der Botschaft ist.

Und als wäre das nicht genug, scheinen die meisten Schreiber und Abschreiber auch mit einem extremen Mangel an Allgemeinwissen ausgestattet zu sein. Denn solch hohe Strafen sind in Finnland keine Seltenheit. Am meisten Aufsehen erregte sicherlich das Bußgeld gegen Anssi Vanjoki, der damals wie heute im Vorstand von Nokia sitzt. Auch er sollte mehr als 100.000 Euro Strafe fürs Rasen zahlen, schaffte es aber das Bußgeld zu drücken.

Diese Information hätte den Text sicherlich spannender gemacht, denn die Ausgangslage war ähnlich. Bei beiden war die Summe exorbitant hoch, weil in der Vergangenheit mit Aktienverkäufen viel Geld verdient wurde und Knöllchen in Finnland auf Basis des durschnittlichen Einkommens berechnet werden. Aktienverkäufe fließen hier mit ein. Vanjoki machte diesen Sonderffekt geltend und drückte die Strafe am Ende so auf schlappe 5900 Euro. Immer noch viel, aber in der Gehaltsklasse einfach eine Shopping-Tour weniger.

Die Chancen für Bär stehen also gar nicht schlecht, aber warum den Leser mit so viel Zusatzinformationen nerven? Genau wie mit dem Umstand, dass es neben Bär und Vanjoki noch einen dritten prominenten Sünder gab: den Multimillionär Jussi Salonoja. Der wurde 2004 geblitzt und sollte insgesamt 170.000 Euro zahlen. Ob er sich ebenfalls aus der Affäre winden konnte ist mir unbekannt, denn nach zehn Minuten Suche ist mir die Lust vergangen. Wenn das ausgebildete Redakteure nicht machen, warum sollte ich dann?

(Dieser Beitrag ist Stefan Niggemeier und seiner unermüdlichen Arbeit für besseren Journalismus gewidmet)

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Quellenangaben, Schlechte Recherche, Stille Post, Web 2.0
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Wechselnde Realitäten

Bastian | 21/03/2009 | 11:51

Deutschland ist schon ein sonderbares Land. Da läuft ein junger Mann durch seine ehemalige Schule und erschießt 16 Menschen, damit danach die ganze Welt ihr Augemerk darauf richtet. Es wird über schärfere Waffengesetze diskutiert und wieder einmal laut nach einem Verbot von Killerspielen geschrien. Das Interesse an Winnenden ist so groß, dass der Doppelmord in Hornsen samt anschließendem Selbstmord nebenbei im Begleitprogramm läuft. Das schreit zum Himmel, denn im Prinzip sind beide Fälle gleich. Es macht keinen Unterschied, wie viele Opfer ein Amoklauf fordert und von einem Amoklauf kann man getrost sprechen, wenn ein Forstwirt mit einer illegal beschafften Waffe seine Frau, das gemeinsame Kind und dann sich selbst erschießt.

Und so stelle ich mir die Frage, wo der “Brennpunkt Hornsen” bleibt. Ich stelle mir die Frage, warum keine Meute aus Journalisten das Haus belagert und etwas sucht, an dem sie sich aufziehen kann. Ist diese Tragödie vielleicht nicht sexy genug, oder haben die Medien-Macher einfach Angst nichts zu finden? Was wäre, wenn dieses Mal keine Compuerspiele oder Horrorfilme im Spiel waren? Und was ist damit und damit und damit und damit und damit? Interessiert das niemand, weil der Body Count zu niedrig ist? Muss immer erst ein Dutzend Menschen durch die Waffe sterben damit die gesellschaftliche Diskussion mit Nachdruck geführt wird?

Die ganze Debatte wirkt schäbig und oft hat man das Gefühl, dass keiner der Beteiligten wirklich Ahnung hat wovon er spricht. Sind “Killerspiele” wirklich der Auslöser, oder nur der Katalysator für Menschen, die in einer World of Bullshit leben müssen? Massen-Medien und ihr Geschwafel zu lesen verursacht Brechreitz und Politiker zu hören macht aggressiv, was anscheinend nicht nur mir so geht. Hanno Zulla hat in seinem Blog einen extrem guten  Kommentar geschrieben und richtig klar bringt es Björn Grau bringt es auf den Punkt. Die Welt ist nicht so schön, wie sie Politiker gerne hätten und Graus Beispiele könnte ich um ein weiteres Dutzend erweitern.

Es ist die Gesellschaft, in der etwas schief läuft, und solange das niemand kapiert wird es auch weiterhin Aussetzer geben. Verbietet Killerspiele und der nächste Amokläufer lebt seine Phantasie mit Videos aus. Und wenn die verboten sind, kommen Bücher dran. Oder Spielzeugwaffen. Oder sonst irgendwas. Und zwar auch wenn gekaufte Promi-Blogger das anders sehen. Die ganze Diskussion ist so unsachlich und so unseriös, dass man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und laut schreien möchte.

Die einzigen, die es wirklich geblickt haben, sind die Eltern der Opfer. Zwar fordern sie auch ein Verbot von Killerspielen, aber eben nicht nur das. Sie fordern auch weniger Gewalt im Fersensehen, einen viel schwereren Zugang zu Schusswaffen und eine gesellschaftliche Debatte über die Frage, wie es in unserem Land soweit kommen konnte. Und wenn man angesichts der Bundestagswahl schon in blinden Aktionismus verfallen muss, dann doch bitte auf Grundlage dieses Briefs und nicht auf Empfehlung eines der selbst erklärten Experten. Denn dort geht es um die Gesamtheit und nicht nur um schnelle Opfer, die Wählerstimmen bringen.

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Amoklauf, Graulblog, Medienethik, Winnenden
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Verkehrte Welt

Bastian | 11/03/2009 | 20:49

Es ist ein trauriger Tag, dieser 11. März, denn wieder einmal hat ein junger Mensch zur Waffe gegriffen und damit das Leben anderer Menschen beendet. Passiert ist das alles in Winnenden und die kommenden Tage und Wochen werden geprägt sein von Debatten, was genau beim Tim K. falsch gelaufen ist. Es wird um Killerspiele gehen. Wieder einmal. Es wird um das Waffengesetz gehen. Wieder einmal. Und es wird um den Jugendschutz gehen. Und am Ende werden neue Gesetze beschlossen und noch mehr Überwachungs- und Kontrollstaat geschaffen, die den nächsten Amoklauf auch nicht verhindern werden. Doch das soll heute nicht das Thema sein.

Es gibt sicherlich genug Experten, die sich ab jetzt den Mund fusselig reden. Hier geht es – wie so oft – um die Arbeit der Meute Medien, die sich wieder einmal mit wenig Ruhm bekleckert haben. Statt zu entwirren und Ordnung ins Chaos zu bringen, haben sich Nachrichtenagenturen, Fernseh- und Radiosender mit Meldungen überschlagen und so für totale Verwirrung gesorgt. Der Täter ist gefasst, dann wieder nicht und am Ende hat er sich erschossen. Oder wurde erschossen auf der Flucht, während eines Feuergefechts. Dazu wurden Fehler gemacht und dokumentiert. Langsam wird es ruhiger und die Meute versammelt sich vor dem Haus des Opfers, um den Eltern das letzte bißchen Selbstachtung zu rauben. Es ist schon eine beschissene Welt in der wir Leben.

Heute haben wir jedoch eine neue Stufe erreicht: Twitter. Ich muss zugeben, dass ich auf diesem Weg auch die eine oder andere Info ins Netz gestellt habe, aber was heute abging war einfach ein Tick zuviel. Journalisten aus aller Welt meldeten sich bei dem Dienst an, um so an Kontakte direkt aus der Stadt zu gelangen. CNN zum Beispiel, aber auch viele kleinere Sender, Blätter und Online-Medien aus aller Welt. Und sie hatten Erfolg. Bei Tontaube zum Beispiel, die in Winnendenarbeitet, und auch bei Zellmi, der immerhin auf Winnendenhiba schauen kann. Beide haben mit den Vorfällen also nicht direkt zu tun, aber sie sind immerhin in der Region und können einen O-Ton abgeben.

Das Ergebnis sind Berichte bei DerWesten, beim Bayrischen Fernsehen, bei Focus und etlichen anderen Online-Medien. Dort kommt die Twittergemeinde zu Wort und kann über ihre Gefühle sprechen. Und auch im Fernsehen fällt das Wort Twitter nun immer öfter. N-TV zeigt es, das ZDF zeigt es und viele andere zeigen es. Das ist neu. Das ist anders, denn bisher spielte das Internet in der Berichterstattung eher eine untergeordnete Rolle. Genau wie Zeugen aus der zweiten Reihe. Film und Fersehen belästigen sonst immer direkt Betroffene. Schüler, Eltern, Lehrer, Anwohner. Einwohner sind ein nettes Beiwerk. Anders bei Twitter. Hier kommt die breite Masse zu Wort. Amoklauf in Realtime.

Das ist schon eine kleine Sensation und Roadrunner wirft die Frage in den Raum, ob dieses Ereignis der Durchbruch für Twitter ist. Ich denke ja, denn beim Amoklauf von Emsdetten hat sich noch niemand für das Internet interessiert. Und dass, obwohl dort genauso heftig um Informationen gekämpft wurde, wie heute bei Twitter um Augenzeugen. Zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht zentralisiert auf einem Dienst, sondern still und heimlich in Foren und Websites. Am heftigsten tobte der Kampf um den Abschiedsbrief von Bastian B., den dieser auf seiner Website veröffentlicht hatte. Die Polizei sperrte den Auftritt umgehend, allerdings waren bereits Kopien angefertigt und verteilt worden. Am Ende landete das Schreiben bei Indymedia und damit außerhalb der Reichweite der übereifrigen Gesetzeshüter.

Mit einem Dienst wie Twitter wäre dieser Brief in Minuten um die ganze Welt gegangen, wie es aktuell mit jeder Aussage von Betroffenen, Beamten, Experten und Politikern geschieht. Alles wird in Echtzeit dokumentiert, kommentiert und verlinkt. Der größte Liveticker der Welt, dem dauerhaft zu Folgen schnell Kopfschmerzen bereiten kann. Denn unter dem Suchwort Winnenden tickern die Tweets inzwischen im Sekundentakt ein. Informations-Overload. Also doch zurück zur Agenturnachricht, die zwar weniger schnell erscheint, dafür aber gut sortiert. Und dennoch: der Damm ist gebrochen und zukünftig werden Redakteure nach großen Ereignissen nicht nur den Fernseher anschalten und zum Telefon greifen, sondern auch Twitter einschalten und nach Stories suchen. Und die Masse wird sie ihnen liefern.

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Amoklauf, Journalismus, Neue Medien, Twitter, Winnenden
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Blogst Du noch, oder twitterst Du schon?

Bastian | 03/03/2009 | 16:30

Mit dem Thema Twitter habe ich mich ja neulich einmal beschäftigt, zu diesem Zeitpunkt jedoch eher Randnotiz zu einem anderen Thema. Inzwischen bin ich Power-User. Eigentlich habe ich den Account nur, um die Spielentwickler bei DICE , den PR-Kanal von EA und den Community-Manager von Battlefield Heroes im Auge zu behalten. Eigentlich, denn praktisch mache ich doch mit. Die Versuchung, die Tweets der anderen zu kommentieren, ist einfach zu hoch. Gestern habe ich mir den ersten Kickban eingefangen als ich BlondeGam3r gefragt habe, wie oft sie denselben Link noch posten möchten.

Aber ich schweife ab, denn meine Ausflüge in die virtuelle Welt kann jeder selbst nachlesen. Heute geht es um die Plattform an sich und einige interessante Links dazu. Der erste befasst sich mit dem Tool Twitterfeed, mit dem sich RSS-Feeds und Twitter kombinieren lassen. Der Inhabe der Accounts muss nicht mehr selbst schreiben, sondern seine Nachrichten landen automatisiert aus dem Feed im Tweet. Sehr Praktisch, aber auch furchtbar unpersönlich. Wenn ich einen RSS-Feed abonnieren möchte, nutze ich meinen Feedreader.

Wer nicht auf  Technik steht, lässt sich vielleicht von der Businessweek überzeugen. Dort ist ein interessanter Artikel erschienen, in dem sich Peter Thiel aus dem Hause Facebook zum gescheiterten Übernahmeversuch von Twitter äußert. Das Rennen um den Dienst ist also wieder offen und vielleicht schnappt ja Google zu. Zumindest ist das die Meinung eines unserer Geschäftspartner, der dieses Szenario jüngst in einem Meeting ins Gespräch brachte.

Wen auch das nicht vom Hocker reißt, der schaut einfach bei YouTube vorbei auf der Website der Daily Show vorbei . Dort findet sich (noch) eine herrliche Persiflage von Jon Stewart auf Twitter und andere Web-2.0-Applikationen. Schenkelklopfer garantiert. Freunde des geschriebenen Worts finden bei The Daily Beast  eine beißende Kritik von Mark McKinnon, der so gar kein gutes Haar an Twitter lässt. Aber irgendwo hat er Recht. Wer nichts zu sagen hat, sollte besser mal die…. und deshalb mache ich hier auch Schluss

(Mit Dank an Rory McCafferty und GraphicBooster für den Input)

Nachtrag am 14.3.2009: Der herrlichen Beitrag von Jon Stewart ist nun wieder mit einem funktionierenden Link versehen und auch hier eingebunden:

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Businessweek, Faithbook, Jon Stewart, Mark McKinnon, Twitter, Twitterfeed, Web 2.0
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