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Wechselnde Realitäten

Bastian | 21/03/2009 | 11:51

Deutschland ist schon ein sonderbares Land. Da läuft ein junger Mann durch seine ehemalige Schule und erschießt 16 Menschen, damit danach die ganze Welt ihr Augemerk darauf richtet. Es wird über schärfere Waffengesetze diskutiert und wieder einmal laut nach einem Verbot von Killerspielen geschrien. Das Interesse an Winnenden ist so groß, dass der Doppelmord in Hornsen samt anschließendem Selbstmord nebenbei im Begleitprogramm läuft. Das schreit zum Himmel, denn im Prinzip sind beide Fälle gleich. Es macht keinen Unterschied, wie viele Opfer ein Amoklauf fordert und von einem Amoklauf kann man getrost sprechen, wenn ein Forstwirt mit einer illegal beschafften Waffe seine Frau, das gemeinsame Kind und dann sich selbst erschießt.

Und so stelle ich mir die Frage, wo der “Brennpunkt Hornsen” bleibt. Ich stelle mir die Frage, warum keine Meute aus Journalisten das Haus belagert und etwas sucht, an dem sie sich aufziehen kann. Ist diese Tragödie vielleicht nicht sexy genug, oder haben die Medien-Macher einfach Angst nichts zu finden? Was wäre, wenn dieses Mal keine Compuerspiele oder Horrorfilme im Spiel waren? Und was ist damit und damit und damit und damit und damit? Interessiert das niemand, weil der Body Count zu niedrig ist? Muss immer erst ein Dutzend Menschen durch die Waffe sterben damit die gesellschaftliche Diskussion mit Nachdruck geführt wird?

Die ganze Debatte wirkt schäbig und oft hat man das Gefühl, dass keiner der Beteiligten wirklich Ahnung hat wovon er spricht. Sind “Killerspiele” wirklich der Auslöser, oder nur der Katalysator für Menschen, die in einer World of Bullshit leben müssen? Massen-Medien und ihr Geschwafel zu lesen verursacht Brechreitz und Politiker zu hören macht aggressiv, was anscheinend nicht nur mir so geht. Hanno Zulla hat in seinem Blog einen extrem guten  Kommentar geschrieben und richtig klar bringt es Björn Grau bringt es auf den Punkt. Die Welt ist nicht so schön, wie sie Politiker gerne hätten und Graus Beispiele könnte ich um ein weiteres Dutzend erweitern.

Es ist die Gesellschaft, in der etwas schief läuft, und solange das niemand kapiert wird es auch weiterhin Aussetzer geben. Verbietet Killerspiele und der nächste Amokläufer lebt seine Phantasie mit Videos aus. Und wenn die verboten sind, kommen Bücher dran. Oder Spielzeugwaffen. Oder sonst irgendwas. Und zwar auch wenn gekaufte Promi-Blogger das anders sehen. Die ganze Diskussion ist so unsachlich und so unseriös, dass man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und laut schreien möchte.

Die einzigen, die es wirklich geblickt haben, sind die Eltern der Opfer. Zwar fordern sie auch ein Verbot von Killerspielen, aber eben nicht nur das. Sie fordern auch weniger Gewalt im Fersensehen, einen viel schwereren Zugang zu Schusswaffen und eine gesellschaftliche Debatte über die Frage, wie es in unserem Land soweit kommen konnte. Und wenn man angesichts der Bundestagswahl schon in blinden Aktionismus verfallen muss, dann doch bitte auf Grundlage dieses Briefs und nicht auf Empfehlung eines der selbst erklärten Experten. Denn dort geht es um die Gesamtheit und nicht nur um schnelle Opfer, die Wählerstimmen bringen.

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Amoklauf, Graulblog, Medienethik, Winnenden
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Verkehrte Welt

Bastian | 11/03/2009 | 20:49

Es ist ein trauriger Tag, dieser 11. März, denn wieder einmal hat ein junger Mensch zur Waffe gegriffen und damit das Leben anderer Menschen beendet. Passiert ist das alles in Winnenden und die kommenden Tage und Wochen werden geprägt sein von Debatten, was genau beim Tim K. falsch gelaufen ist. Es wird um Killerspiele gehen. Wieder einmal. Es wird um das Waffengesetz gehen. Wieder einmal. Und es wird um den Jugendschutz gehen. Und am Ende werden neue Gesetze beschlossen und noch mehr Überwachungs- und Kontrollstaat geschaffen, die den nächsten Amoklauf auch nicht verhindern werden. Doch das soll heute nicht das Thema sein.

Es gibt sicherlich genug Experten, die sich ab jetzt den Mund fusselig reden. Hier geht es – wie so oft – um die Arbeit der Meute Medien, die sich wieder einmal mit wenig Ruhm bekleckert haben. Statt zu entwirren und Ordnung ins Chaos zu bringen, haben sich Nachrichtenagenturen, Fernseh- und Radiosender mit Meldungen überschlagen und so für totale Verwirrung gesorgt. Der Täter ist gefasst, dann wieder nicht und am Ende hat er sich erschossen. Oder wurde erschossen auf der Flucht, während eines Feuergefechts. Dazu wurden Fehler gemacht und dokumentiert. Langsam wird es ruhiger und die Meute versammelt sich vor dem Haus des Opfers, um den Eltern das letzte bißchen Selbstachtung zu rauben. Es ist schon eine beschissene Welt in der wir Leben.

Heute haben wir jedoch eine neue Stufe erreicht: Twitter. Ich muss zugeben, dass ich auf diesem Weg auch die eine oder andere Info ins Netz gestellt habe, aber was heute abging war einfach ein Tick zuviel. Journalisten aus aller Welt meldeten sich bei dem Dienst an, um so an Kontakte direkt aus der Stadt zu gelangen. CNN zum Beispiel, aber auch viele kleinere Sender, Blätter und Online-Medien aus aller Welt. Und sie hatten Erfolg. Bei Tontaube zum Beispiel, die in Winnendenarbeitet, und auch bei Zellmi, der immerhin auf Winnendenhiba schauen kann. Beide haben mit den Vorfällen also nicht direkt zu tun, aber sie sind immerhin in der Region und können einen O-Ton abgeben.

Das Ergebnis sind Berichte bei DerWesten, beim Bayrischen Fernsehen, bei Focus und etlichen anderen Online-Medien. Dort kommt die Twittergemeinde zu Wort und kann über ihre Gefühle sprechen. Und auch im Fernsehen fällt das Wort Twitter nun immer öfter. N-TV zeigt es, das ZDF zeigt es und viele andere zeigen es. Das ist neu. Das ist anders, denn bisher spielte das Internet in der Berichterstattung eher eine untergeordnete Rolle. Genau wie Zeugen aus der zweiten Reihe. Film und Fersehen belästigen sonst immer direkt Betroffene. Schüler, Eltern, Lehrer, Anwohner. Einwohner sind ein nettes Beiwerk. Anders bei Twitter. Hier kommt die breite Masse zu Wort. Amoklauf in Realtime.

Das ist schon eine kleine Sensation und Roadrunner wirft die Frage in den Raum, ob dieses Ereignis der Durchbruch für Twitter ist. Ich denke ja, denn beim Amoklauf von Emsdetten hat sich noch niemand für das Internet interessiert. Und dass, obwohl dort genauso heftig um Informationen gekämpft wurde, wie heute bei Twitter um Augenzeugen. Zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht zentralisiert auf einem Dienst, sondern still und heimlich in Foren und Websites. Am heftigsten tobte der Kampf um den Abschiedsbrief von Bastian B., den dieser auf seiner Website veröffentlicht hatte. Die Polizei sperrte den Auftritt umgehend, allerdings waren bereits Kopien angefertigt und verteilt worden. Am Ende landete das Schreiben bei Indymedia und damit außerhalb der Reichweite der übereifrigen Gesetzeshüter.

Mit einem Dienst wie Twitter wäre dieser Brief in Minuten um die ganze Welt gegangen, wie es aktuell mit jeder Aussage von Betroffenen, Beamten, Experten und Politikern geschieht. Alles wird in Echtzeit dokumentiert, kommentiert und verlinkt. Der größte Liveticker der Welt, dem dauerhaft zu Folgen schnell Kopfschmerzen bereiten kann. Denn unter dem Suchwort Winnenden tickern die Tweets inzwischen im Sekundentakt ein. Informations-Overload. Also doch zurück zur Agenturnachricht, die zwar weniger schnell erscheint, dafür aber gut sortiert. Und dennoch: der Damm ist gebrochen und zukünftig werden Redakteure nach großen Ereignissen nicht nur den Fernseher anschalten und zum Telefon greifen, sondern auch Twitter einschalten und nach Stories suchen. Und die Masse wird sie ihnen liefern.

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Amoklauf, Journalismus, Neue Medien, Twitter, Winnenden
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